Das Scheitern – und warum es so wertvoll ist

Der meines Erachtens unangenehmste Schritt einer Heldenreise ist das Scheitern. Da ich einmal gehört habe, dass ein guter Lehrmeister nicht nur darüber redet, sondern selbst vorlebt, was er lehrt, werde ich heute für Dich damit beginnen und ins kalte Wasser springen.

Um das Scheitern selbst müssen wir uns in der Regel nicht kümmern, das liefert uns das Leben kostenlos mit.

Was ist passiert? Ich muss zugeben, dass es mir gerade nicht sehr gut geht. Ich bin an einem Thema dran, das für mich nicht leicht ist, stecke noch zu tief drin in Fragezeichen und Emotionen und fühle mich nicht wirklich in meiner Kraft. Jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich zugebe, dass ich keinen Plan habe, wie es weitergeht. Ich bin schwach und im leeren Raum. Aus diesem Grunde werde ich einen geplanten Online-Workshop, die geführte Heldenreise, erstmal auf einen anderen Termin vertagen. Er wird in jedem Fall nicht jetzt stattfinden. Puh — jetzt ist es raus. Ich lasse das Projekt vorerst scheitern 🙁

Der Schritt des Scheiterns

Diesen Schritt des Scheiterns bewusst zu gehen ist nicht ganz so einfach wie gedacht. Denn was der Verstand begreift, ist noch lange nicht beim Herz angekommen. Die größten Verletzungen finden auf der Herzebene statt. Was heißt es für mein Herz, wenn ich mein Versprechen nicht einhalte und der angekündigte Kurs nicht zur geplanten Zeit stattfindet? Und schon bin ich mittendrin in meiner Verletzlichkeit… Meine größte Angst ist es, Menschen zu enttäuschen. Ich fühle mich, als würde ich Dich nun enttäuschen. Das tut mir weh. Das möchte ich nicht. Ich möchte Dein Vertrauen nicht verlieren.

Mein gewohnter Weg wäre es nun, diese Enttäuschung zu vermeiden, meine Masken aufzusetzen und die Zähne zusammen zu beißen. Und es am Ende des Tages irgendwie zu schaffen. Diese Dinge gehören dankenswerter Weise zu meinen Stärken. Ich führe Menschen in ihre Verletzlichkeit, damit sie in diesem neuen Raum zu sich und ihrer Kraft finden. Aber was ich seltener tue: ich begebe mich selbst ungern in meine eigene Verletzlichkeit. Ich will das einfach nicht tun, nicht zeigen, nicht zugeben. Lieber runterschlucken und weg drücken. Das ist als Coach in meinen Augen nicht gut.

Stark sein ist mein Muster. Das habe ich gelernt, das kann ich. Überhaupt habe ich bereits sehr früh gelernt, immer alles zu schaffen. Dinge zu schaffen, erfolgreich zu sein — das ist für mich etwas Gewohntes. Aber was hat es mit all dem auf sich, dass ich bisher erreicht habe? Sind diese Erfolge — wie fast alles an mir — meiner starken Rolle zu verdanken, die ich in meinem Leben verflixt gut spiele? Ich hatte bisher schon einige Erfolge. Eine steile berufliche Karriere in sehr kurzer Zeit, der Aufbau und die Etablierung einer wesentlichen Fachmesse in Deutschland, Karriere als „Star“ in unterschiedlichen Basketball Teams, Erfolge als Triathletin und als Marathonläuferin — das sind nur einige wenige Beispiele. Bereits als Kind verbuchte ich vermeintliche Erfolge indem ich „groß“ sein musste. Ich konnte so vieles. Zum Beispiel konnte ich bereits mit 6 Jahren alleine nur von einer Stewardess begleitet fliegen und gleichzeitig auf meine 2 Jahr jüngere Schwester aufpassen. Schon mit 4 Jahren war ich es, die ihren Opa anrief und ihn bat, sie aus einer Entfernung von 150 km abzuholen, da sie den Streit ihrer Eltern nicht mehr mit anhören wollte. Wie gut sind mir die Sätze meines Vaters bekannt: „Die kann das“, „Die schafft das schon allein“ und „Ich mache mir keine Sorgen, die macht das schon“ — egal ob in der Schule oder irgendwo anders. Das, was zu großen Taten für ein doch sehr kleines Kind und zu sehr früher Selbstständigkeit führte, beflügelte mich natürlich im Nachhin sehr. Dieses blinde Vertrauen in mich ließ mich wachsen und meine Aufgaben meistern. Aber der Preis dafür war nicht gering. Das kleine Mädchen durfte keine Schwäche zeigen, sonst wäre es gescheitert. Sie musste ihre Schwäche besonders vor sich selbst gut verborgen halten. Ihre eigenen Gefühle unterbinden und unzugänglich machen. So entstanden tiefe Furchen in ihrem kleinen Herz.

“Gefühle suchen das Ende des Gefühlsprozesses“

Ich bin durch meine Geschichte eine Meisterin darin geworden, meine Gefühle zu unterdrücken. Ein Meister der Schauspielerei noch dazu. Jahrelang habe ich nicht gemerkt, dass es genau das ist, was mir unendlich Kraft raubt, was mich unter dauernder Anspannung sein lässt. Jahrelang habe ich mich gewundert, warum es für mich keine Entspannungsphasen gab. Auf 100% Einsatz folgte unmittelbar der Schlaf — und umgekehrt. Das System holte sich, was ich ihm ansonsten verwehrte und schaltete einfach ab. Der Druck war das Gewohnte. Aber Druck erzeugt immer (!) Gegendruck, was sich in unterschiedlicher Weise ausprägt.

Als Coach habe ich so viele Methoden und Tools inpetto, um den Punkt des Scheiterns wunderbar zu übergehen. Ich müsste nicht scheitern in diesem Falle. Ich könnte den Kurs wie gewohnt durchziehen. Und irgendwie will ich auch nicht scheitern. Wer will das schon? Soll das Scheitern doch ein anderer machen. Aber von diesem Muster loszulassen, diesem Muster nicht zu folgen, ist nun ein für mich notwendiger Schritt für meine Entwicklung. Denn ich weiß, dass am Ende ein Schatz auf mich und Dich wartet, den man ohne diesen Schritt nicht erreichen könnte.

Transformation passiert nicht ohne das Scheitern.

Ich habe Angst. Während meiner Selbstzweifel kommt die blanke Wut über mich hinzu, dass ich versage. Versagen? Und das, obwohl ich irgendwie doch noch gar nicht begonnen hatte? War es vielleicht einfach die fasche Idee? Ich möchte nur noch verschwinden. Eigentlich möchte doch ich den Menschen etwas vermitteln aber stecke selbst gerade fest? In Wahrheit lernen wir nie aus. Egal ob Lehrer oder Schüler. Egal wievielen Menschen wir unser Wissen weitergeben. Immer hat das Leben noch eigene Lektionen parat. Das Leben ist ein lebenslanger Lernprozess, egal an welchem Punkt wir stehen. Und das ist gut so. Heute bin ich die Schülerin. Während ich dies akzeptiere fällt mir schon ein kleiner Stein vom Herzen. Ich fühle mich plötzlich leichter. Denn genau darum geht es: Aus der Leichtigkeit zu kreiieren, nicht aus der Schwere.

Ich möchte aufhören, alles erreichen zu wollen. Eine Verbindung erhält man nicht, wenn man diese auf Teufel komm raus herstellen will. Das klappt nicht. Und auch nicht, wenn man alles kontrollieren will. Ich bin ein „Kontrolletti“ und will die Zügel in der Hand behalten, damit ja nichts Schlechtes passiert. Aber was soll überhaupt passieren? Ich will endlich lernen, die Dinge laufen zu lassen und den Druck heraus zu nehmen. So lange spüre ich schon, dass das der richtige Weg ist. Aber das muss man richtig dosieren. Muss man das? Glaube ich, dass es ohne Druck nicht geht? Dass sich dadurch gar nichts bewegt? Habe ich davor Angst? Vor Stillstand? Dass es in falsche Richtungen läuft? Aber was genau sind falsche Richtungen? Richtungen, die anderen, die unserer Gesellschaft nicht gefallen, die nicht in ihr Bild passen? Ich will Bewusstsein in die Welt bringen. Das aber kann ich nur, wenn ich es selbst habe.

Ich möchte weiterhin ein vertrauensvoller Coach sein und Dich klar unterstützen und Dir über Hürden und Blockaden hinweghelfen. In diesen Tagen kann ich das nicht guten Gewissens tun. Da es nicht gut tut, ein Versprechen, das ich meinen Klienten gegeben habe zu brechen, tauchen sie auch schon wieder auf: Die Zweifel. “Ich bekomme das doch trotzdem hin. Ich muss es nicht verschieben. Ich habe doch noch ein paar Tage Zeit, um mich zu fangen. Es wird schon alles gut gehen….”. Diese Zweifel wollen mir einreden, dass es gar nicht notwendig ist zu scheitern. Aber was, wenn ich es wage und tatsächlich scheitere? Ich erwische mich, wie ich mein Scheitern im Kopf durchgehe und die einzelnen Schritte plane. Denn es scheint, als will ich auch dieses irgendwie meistern und sogar im Scheitern “gut”sein. Welche Ironie. Als Perfektionistin ist dieser Gedanke dennoch naheliegend. Und gleichzeitig verrückt und erschreckend. Aber auch das will ich nun loslassen…

“Wenn wir scheitern, dann scheitern wir an Illusionen.” (Ulrike Dietmann)

Wenn wir scheitern, dann passiert das oft aus dem Grund, dass wir uns selbst täuschen. Dies tun wir, indem wir Dingen Wichtigkeit verleihen, die keine haben. Ich wollte kämpfen und in meiner eigenen schwachen Phase für Dich da sein. Aber das ist nur vermeintlich wichtig. Wirklich wichtig ist, dass ich tatsächlich 100% für Dich und Dein Anliegen da sein kann, wenn Du es brauchst. Deshalb erscheint es mir nun wichtiger, den Zeitpunkt auf einen anderen zu verlegen. Denn für Dich ist es viel wichtiger, dass Du meine komplette Aufmerksamkeit für Deine Anliegen erhältst.

Wo ist denn nun der Schatz im Scheitern?

Ich habe mal einen schönen Satz gelesen: dass wir “durch scheitern gescheiter werden.” Man kann sich neu orientieren und wieder neu beginnen. Jetzt aber von einem höheren Level aus, das wir ohne das Scheitern nicht erreicht hätten. Denn man hat einen größeren Erfahrungsschatz. Man versteht den tiefer liegenden Sinn. Wenn man scheitert gibt man nicht auf, sondern unterzieht seine Träume einfach einer Revision. Denn das, worin man sich getäuscht hat, wird real — sozusagen “ent-täuscht”. Durch die Fehler, die man macht kommt man letztendlich dem großen Ganzen näher. Denn die eigene Kreativität hat somit die Chance, die Ziele auf neuen Wegen zu verwirklichen.

Die Angst vor dem Scheitern

Das Scheitern selbst ist gar nicht das das Schlimmste. Viel schlimmer ist die bereits beschriebene Angst vor dem Scheitern. Man weiß nicht, was passiert. Man will einfach nicht versagen. Man will geliebt werden. Und so weiter und so fort.

Ich war zuvor wie gelähmt. Und jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war gelähmt aus Angst vor dem Scheitern! Ich steckte fest in meinem Frust. Steckte fest in meinen Gefühlen. In der emotionalen Schleife nach unten. Der Schwere. Der Traurigkeit. Ich suhlte mich in diesen Gefühlen um mein Versagen. Rutschte irgendwie in ein emotionales Loch. Aber nein. In diesem Loch war ich bereits vorher. Das “Versagen”, das im Scheitern für mich liegt, folgte meinem eigenen Gefühlschaos.

“Es scheitert nur das, was nicht zu einem gehört” …

…sagte mir meine Freundin und Trainerkollegin Angela Brückl. Ein Satz, der erstmal einfach und leicht klingt, um dann mit seiner ganzen Wucht einzuschlagen.

Wenn Du beim nächsten Mal Angst vor dem Scheitern hast, dann frage Dich:

Was habe ich daraus gelernt, dass es nicht geklappt hat?

Was war die Lektion, die für mich in diesem Moment wichtig war?

Was habe ich für mich dadurch dazu gewonnen?

Was gehört nicht zu mir?

Was hat sich dadurch für mich und meine Persönlichkeit verändert?

Wo hat es mich am Ende des Tages stärker gemacht?

Im Scheitern verbergen sich zwei wesentliche Lektionen.

Das Scheitern ist wichtig für uns, denn nirgendwo sonst können wir so gut und eindrücklich lernen. In Wahrheit ist Scheitern kein Misserfolg sondern ein Geschenk. Es steckt ein großer Schatz darin. Das zu verstehen ist oft nicht einfach und die Essenz liegt gut versteckt. Aber um was geht es hier wirklich?

Es geht zum einen darum, zu erkennen, was nicht funktioniert und es danach zu ändern. Denn dadurch kommt man auf neue Ideen, in einen neuen Raum, kann Fehler und Missstände beheben, die sonst noch lange vor sich hin gedümpelt wären.

Zum anderen geht es darum, sich die Angst vor dem Scheitern bewusst zu machen und zu merken, dass es das Scheitern selbst viel leichter ist als man dachte, und es nicht mehr so schwer nehmen muss. Dass man die Angst davor in Zukunft verringert und direkter an Dinge herangehen kann, ist eine logische Konsequenz.

Und was ist nun mit den Verletzungen des Herzens? Wie kann man diese verstehn, schützen oder gar heilen?

“Verletzungen den Herzens wollen nicht verstanden sondern gefühlt werden.”

Ich in meinem konkreten Fall muss meinem Herzen sagen, es spüren lassen, dass es ok ist, Dich in einer gewissen Weise zu enttäuschen. Um mich zu sammeln, zu stärken, um danach wieder voll und ganz — und sogar noch stärker — für Dich präsent zu sein. Ich muss das Leid spüren, das für mich durch das Enttäuschen entsteht, es akzeptieren und vertrauen fühlen, dass alles seine Richtigkeit hat und für Dich gut so ist. Mein Herz hofft und dankt Dir für Dein Verständnis.

Auch wenn es sich noch immer schrecklich anfühlt, jetzt werde ich die Kontrolle in gewissem Maße abgeben und mich auf diesen offenen Prozess einlassen. Ich werde mich dem Scheitern hingeben und sehen, was es mit mir macht. Mein ganzer Körper kribbelt und ich werde unruhig. Will alles geschriebene wieder löschen. Im gleichen Moment werde ich neugierig. Will mich drauf einlassen. Das ist einfach einen Versuch wert. Und ich klicke den Button absenden und “Online stellen”….

…..Gerade in diesem Moment des Absendens erhalte ich von einem Bekannten eine Nachricht mit der Einladung zur nächsten “Fuckup-Night”… ein Abend, wo Menschen vom Scheitern erzählen. Hahaha 🙂 Ich lache und lache und lache… über diese Ironie des Lebens! Egal wie es spielt, das Leben, letztendlich spielt es immer für Dich 😉

Und dann fällt mir noch etwas auf: 

Das Scheitern als ein Schritt der Heldenreise ist hiermit bereits ein kleiner spontaner Teil des versprochenen Workshops geworden 😉

Hab Mut zu scheitern und mache dadurch endlich wieder HELDENSPRÜNGE!

Herzliche Grüße 🙂

PS: Mehr zu den Schritten der Heldenreise findest Du hier.

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